Tote schweigen nicht

Mit grosser Leichtigkeit bewegte sich Cassidy zwischen Folk, Soul, Gospel und Jazz.» So gefühlig preist der Plattengigant BMG in ganzseitigen Inseraten eine neue CD von Eva Cassidy an.

Eva Cassidy, neue CD? Die amerikanische Sängerin starb 1996 an Krebs, wie soll das gehen? Ganz einfach: Cassidy, die nur 33 Jahre alt wurde, ist erst postum zum Star avanciert. Verschiedene Lizenznehmer halten noch Rechte an ihren Aufnahmen und möchten diese nun vergolden.

Cassidy, die scheue Krankenschwester aus Bowie, Maryland, konnte tremolieren wie Judy Collins und Aretha Franklin. Ihre Interpretation - Klassiker von Louis Armstrong oder Curtis Mayfield - beschwören eine inzwischen versunkene Welt, sie sind Romantik pur. Selbst abgegriffene Evergreens wie «What a Wonderful World» sang sie, als wären sie neu.

Es brauchte allerdings den Ehrgeiz ihres Ex-Freundes, einen Internet-Kult sowie BBC Radio 2, bis die Folk-Liedersammlung «Songbird» im März 2001 plötzlich auf Platz eins der britischen Album-Hitparade stand. Über den Chart-Coup freute sich die englische Kleinfirma Hot Records. In der Schweiz stieg «Songbird» letzten Sommer bis auf Rang zwei und setzte über 20 000 Einheiten ab.

Verständlich, dass der Plattenriese BMG jetzt mit «No Boundaries» auf eine Wiederholung hofft: die Tote in den Charts, zweite Runde. Doch gegen diesen Marketing-Plan regt sich Widerstand. Hot-Records-Chef Andrew Bowles, der Cassidy als Erster in die Hitparaden brachte, sagt: ««No Boundaries» ist schlecht und von Evas Eltern nicht autorisiert.» Tatsächlich hatten Cassidys Eltern als Nachlassverwalter «No Boundaries» schon in den USA zu stoppen versucht. Die Klageandrohung eines englischen Anwalts liess immerhin AOL Time Warner von einer Veröffentlichung in Grossbritannien absehen.

Wer «No Boundaries» hört, ahnt, weshalb Cassidys Eltern die Platte aus dem Verkehr ziehen möchten. Das Frühwerk, 1987 mit dem Studiomusiker Tony Taylor aufgenommen, kommt an den Grosserfolg «Songbird» nicht heran. Zwar schillert Cassidys Stimme wie eh, aber die Instrumentierung klingt wie auf einem Demoband: skizzenhaft und hüftsteif. Hot-Records-Mann Bowles will nun über den deutschen Anwalt Wolfgang Götz eine Klage prüfen.

Beim BMG-Label White Records, welches «No Boundaries» für den deutschsprachigen Markt erwarb, geben sich die Manager gelassen. Man habe zwar gewusst, dass Cassidys Eltern gegen eine Veröffentlichung seien, sagt White-Records-Jurist Karl-Heinz Klempnow. Aber beim Deal sei alles mit rechten Dingen zugegangen. «Es handelt sich um eine ganz normale Bandübernahme. Wir haben das Album über einen Dritten erworben, der es einst Renata Records in Maryland abkaufte, Cassidys ursprünglichem Vertragspartner.»

Eine lange Rechtekette. Anwalt Götz weiss: «In Deutschland zu klagen wird schwierig. Gerichtsstand ist Maryland.» Doch Andrew Bowles will weiterkämpfen. Im August erscheint bei Hot Records noch einmal eine Cassidy-CD mit bisher unveröffentlichtem Material. Bis dahin, sagt der Kleinunternehmer, ist «No Boundaries» hoffentlich nicht mehr auf dem Markt.

Von Philip Wegmüller

(Quelle: FACTS - Das Schweizer Nachrichtenmagazin - 27. Juni 2002, Nr. 26, S. 113)